Hermetische Texte.BLOG von HJB68
Einen weiteren wichtigen und fundamentalen Aspekt unseres theoretischen und
praktischen Magiestudiums bilden die sog. »Hermetischen Texte«. Darunter
verstehen wir sowohl alchemistische Traktate, als auch (in der Hauptsache) eine
Schriftensammlung, die seit wahrscheinlich über 1.500 Jahren den Titel »Corpus
Hermeticum« trägt. Diese Texte repräsentieren kein Buch bzw. abgeschlossenes
Werk im heutigen Sinne, sondern vielmehr eine Textsammlung, ein Konglomerat
diverser Textfragmente, die zu einem großen Teil und auf den ersten Blick in
keinem erkennbaren Zusammenhang stehen und viele ihrer Leser bis heute
hauptsächlich ungläubig bis abfällig den Kopf schütteln lässt. Wieder andere,
die sich mit diesen Schriften immerhin befassten und zu deuten versuchten,
verwirrten sie mehr, als dass sie aufklärten, tiefe Erkenntnisse brachten,
geschweigedenn erleuchteten. Der Grund: Ein nur mangelhaftes Verständnis der
zuweilen tiefgründigen, inhärenten, philosophischen Hermeneutik resp.
»Geistigen Alchemie« mit ihren eklektizistischen Wurzeln und Bezügen
gnostischer, neuplatonischer und neupythagoreischer Couleur.
Datierung
Von jedweden esoterischen Mutmaßungen und mythologischen Prägungen befreit,
wird der
Corpus Hermeticum heutzutage von Experten (Historikern,
Religionswissenschaftlern) entstehungsgeschichtlich in den Zeitraum vom 1. bis
zum 6. Jahrhundert n.d.Z. gelegt; wohlgemerkt: die Entstehungszeit der
Textsammlungen, nicht der Inhalt der überlieferten Texte, die durchaus einige
Jahrhunderte
vor Jesu Geburt entstanden sein können.
Umfang
Das Corpus Hermeticum besteht heute aus 17 Abhandlungen gnostischer und
pantheistischer Prägung; ein kläglicher Rest, bedenkt man, dass sie uns
letztlich aus der Alexandrinischen Bibliothek des König Ptolemaios I. (305-282
v.u.Z.) überliefert sind, der einst berühmtesten und größten Bibliothek der
Welt, die zu Cäsars Zeiten zirka 700.000 Bücherrollen umfasste. Leider wurde
diese einst weltgrößte Büchersammlung im alexandrinischen Krieg (47 v.u.Z.) und
später von einem christlichen Kirchenvater, der sie als »ketzerisch«
betrachtete, durch Brand zerstört. Zwei dieser Texte – das sog. »Kybalion« und
die »Smaragdtafel«
(Tabula smaragdina hermetis) – dürften dem heutigen
Esoteriker und Okkultisten noch bzw. wieder ein Begriff sein. Die beiden
letzteren zählen aber genau genommen gar nicht zu den besagten 17 Abhandlungen,
sondern werden gesondert aufgeführt.
Autorschaft
Als geistiger Urvater des Corpus gilt der sagenumwobene Hermes Trismegistos (übersetzt:
Dreimal größter Hermes), der bereits von den ägyptischen Pharaonen als Gottheit
(ibisköpfiger Thoth) verehrt worden sein soll. Diese Texte neuplatonischen und
neupythagoreischen Charakters hatten wiederum einen großen Einfluss auf
westliche Logen und Orden bzw. berühmte Alchemisten, Okkultisten und Magier des
19. und 20. Jhs. Besagter Hermes Trimsegistos hat in der hermetischen Literatur
– die wir en detail noch beleuchten werden – die Funktion eines Arztes,
Chemikers, Weisen und Gesetzgebers.
Besagter Hermes Trismegistos leitet sich namentlich zwar von dem
griechischen Gott Hermes (latinisiert
Mercurius) ab, ist mit diesem
aber nicht identisch. Wollte man den »dreimal größten Hermes« einem Pantheon
zuordnen, so wäre der ägyptische ibisköpfige Thoth – Gott der Magie, der
Weisheit, Wissenschaft und Schreibkunst – die richtige Wahl.
Historische Belege & Mythen
Nach Aussage des ägyptischen Priesters und Gelehrten Manetho und Jamblichus
von Chalkis (~250-300 v.u.Z.), einem neuplatonischen syrischen Philosophen,
regierte Hermes Trismegistos unglaubliche 3.226 Jahre und hinterließ angeblich
36.525 Bücher über die »Gesetze der Natur«. Der christliche Kirchenvater
Clemens von Alexandrien (150-215 n.u.Z.) erwähnt in seinen Stromateis (VI,
4,35-38) »nur noch« 42 Bücher der Weisheit (Philosophie), 6 davon über Medizin,
die er mit eigenen Augen habe gesehen. Sie wurden in einer feierlichen
Prozession eines ägypt. Tempeldienstes öffentlich zur Schau getragen. Dazu aber
muss man folgendes wissen: Im Allgemeinen wurden besagte hermetische Bücher –
vielmehr Loseblattsammlungen – in den entsprechenden Tempeln aufbewahrt und nur
bei heiligen Prozessionen mitgeführt und eine besondere Rolle spielten sie bei
Begräbnisprozessionen. Auf den Prozessionswegen wurden diese Bücher mit
Argusaugen bewacht. Unter dem Begriff »Bücher« müssen wir uns in diesem
Zusammenhang aber – im antiken Sinne – vorrangig einzelne Hauptabschnitte oder
Kapitel eines größeren Gesamtwerkes vorstellen. Leider sind diese »Bücher«, die
Clemens selbst noch genau gekannt haben muss, verloren gegangen. Ihr Inhalt ist
heute nur noch fragmentarisch aus griechisch und lateinisch abgefassten und mit
ägyptischem Charakter versehenen Papyri rekonstruierbar – wenn überhaupt.
Julius Ruska (1867-1949) hat uns aber zumindest in seiner Tabula Smaragdina
(»Tabula Smaragdina: Ein Beitrag zur Geschichte der Hermetischen Literatur«,
Carl Winters Universitäts-Buchhandlung, 1926) die betreffende Stelle aus des
bereits oben erwähnten Clemens von Alexandrien Werk Stromateis in einer
deutschen Übersetzung wiedergegeben. Pythagoras (570-510 v.u.Z.) soll es sogar
– aufgrund der Kenntnis ihres Inhaltes – gelungen sein, die priesterlichen
Weihen zu empfangen, deren er bedurfte, um in die tieferen Geheimnisse (Arkana)
der Ägypter eingeweiht werden zu können. Bekanntlich durften damals nur
»Priester ersten Ranges«, wie uns wiederum der griech. Philosoph Plutarch
(~46-120) in seiner Schrift »Über Isis und Osiris« berichtet, in die streng
geheim gehaltenen Kenntnisse der ägyptischen Naturphilosophie eingeweiht
werden. So durften auch nur initiierte Priester die Heilkunde ausüben,
verfügten folglich auch nur sie über ein entsprechend hohes Maß an Erfahrung.
Das Corpus Hermeticum
Beim Corpus Hermeticum handelt es sich um zwei verschiedene
Schriftsammlungen unterschiedlicher Quellen, die als eklektisch zu bezeichnen
sind: zum einen altgriechische Schriftstücke, zum anderen in Latein verfasste
Texte, die sowohl in Brief- als auch in Dialog- und Predigtform abgefasst sind.
Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um einen kläglichen Rest anonymer
Schriften, die Versatzstücke aus ägyptischer, griechischer und persischer
Philosophie einerseits, Mythologie, Kosmogonie und Kosmologie andererseits
darstellen. Wir können heute leider – wie bereits erwähnt – nur noch vermuten,
dass in den ältesten hermetischen Schriften neben grimoire-ähnlichen
Zauberformeln und magischen Praktiken auch spagyrische Heilrezepte und
sachliche chemische Rezeptformeln abgehandelt wurden. Überliefert ist uns
leider nicht eine einzige komplette – sprich zusammenhängende – Schrift.
Erstmals historisch fassbar werden diese Hermesschriften bei dem heidnischen
Gnostiker und oströmischen Geschichtsschreiber des oberägyptischen Panopolis:
Zosimos (5. – 6. Jh. n.u.Z.), wie auch bei dem aus Theben stammenden
griechischen Heiden und Historiker Olympiodoros (5. Jh. n.u.Z.), der auch der
»Schule des Zosimos« angehörte und sich hauptsächlich für Alchemie
interessierte. Aber auch hier sind die Quellen noch mehr als dürftig: neben einigen
chemischen Rezepturen schildert uns Olympiodoros in seinen Kommentaren über
diese »heilige Kunst« einige weltanschauliche Sichtweisen, hier zitiert von dem
bereits erwähnten Julius Ruska:
»Hermes also nennt den Menschen eine kleine Welt, indem er sagt, dass alles,
was die große Welt besitzt, auch der Mensch besitzt. Die große Welt besitzt
Land- und Wassertiere, der Mensch Flöhe, Läuse und Würmer. Die große Welt
besitzt Flüsse, Quellen, Meere, der Mensch die Eingeweide, Adern und
Körperausgänge. Die große Welt besitzt die Lufttiere, der Mensch die Mücken
usw. Die große Welt besitzt sich ausbreitende Strömungen, wie die Winde, Donner
und Blitze, der Mensch die Blähungen, Krankheiten und Gefahren. Die große Welt
besitzt Sonne und Mond, der Mensch die beiden Augen, und zwar vergleicht man
das rechte mit der Sonne, das linke mit dem Mond. Die große Welt hat Berge und
Hügel, der Mensch Knochen und Fleisch. Die große Welt hat den Himmel und die
Sterne, der Mensch seinen Kopf und die Ohren. Der Himmel hat die zwölf
Tierkreiszeichen vom Widder bis zu den Fischen, der Mensch hat das gleiche vom
Kopf bis zu den Füßen […]« (2, S. 15-16)
In diesen Sätzen spiegelt sich deutlich die alte Makro-Mikrokosmos-Denkart
indo-iranischer Herkunft wieder, das primär nicht auf ägyptischem Boden
entstanden ist. Die Hermes-Literatur führt somit auch ganz bestimmte
Sichtweisen und uralte Traditionen aus der persischen Vergangenheit Ägyptens
fort. Bereits in den ältesten uns überkommenen Texten findet sich – durch alle
Jahrhunderte bis in unsere Zeit hinein – diese Form von Eklektizismus als
Leitlinie dieser Literaturgattung.
Wir dürfen annehmen, dass die ersten alchemistischen Autoren, besonders aber
der bereits erwähnte Zosimos, die Hermes-Literatur noch im Original kannten,
die, als
Corpus Hermeticum zusammengefasst, eine religiöse Geheimlehre
oder gar in verschlüsselter Form die ägyptische Religion selbst darstellte.
Dazu sei erneut Ruska zitiert: »Wenden wir uns nun der Geschichte der
hermetischen Literatur zu. Womit will man ihre Beschränkung auf die griechische
und lateinische Schrift rechtfertigen? Dass ihre Quellen zu einem guten Teil
auf echt ägyptisches Gut zurückführen – ich erinnere nochmals an Clemens
Alexandrinus -, steht außer Frage. Die uralte Beziehung aller Künste und allen
Wissens auf die ägyptischen Götter, die absichtsvolle Geheimniskrämerei der
Priester und Vorsteher der Tempelwerkstätten ist Tatsache. So werden wir nicht
nur von Anfang an eine mystisch-religiöse Umrahmung oder Einkleidung
technischer Vorschriften für möglich halten, es wird auch nach Herauslösung und
Verselbständigung der wissenschaftlichen Literatur das Bedürfnis geblieben
sein, dem geheimen Treiben einen theosophischen Hintergrund zu geben, es wird
ein dauernder Anreiz geblieben sein, Neues in die alte Form zu kleiden und als
Weisheit des Agathodaimon (= guter Dämon, im Ggs. zum Kakodaimon = bösen
Dämon), des Hermes und anderer Götter und Propheten im Umlauf zu bringen. Das
siegende Christentum hat die auf Hermes gegründete Erlösungslehre – wie so vieles
andere – überwunden und vernichtet, die Astrologie und Alchemie indes hat es
nie gänzlich besiegen können. Eine neue hermetische Literatur
okkultistisch-religiösen Charakters bildet sich im Orient und wandert durch die
Vermittlung des Islams zurück nach dem Abendland.« (2, S. 36-37)
Hermes Trismegistos wurde, da man ihm diese Werke zuschrieb, für den
Begründer all dieser Lehren gehalten, die man schließlich – in späterer Zeit –
eine »hermetische« nannte. Niemand hielt es für möglich bzw. wagte es, die
Authentizität dieses mythischen Schriftstellers anzuzweifeln, von dessen
Existenz solch philosophische Größen wie Platon, Diodorus Siculus (1. Jh.
v.u.Z.), Tertullian (150-230), Galenos von Pergamon (129-216), Iamblichos von
Chalkis und viele andere der Zeit überzeugt waren.
Die Renaissance der Hermetischen Schriften
Ein altgriechisches Manuskript hermetischen Inhalts – der Codex Laurentianus
– wurde um das Jahr 1460 von dem Mönch Frater Lionardo von Pistoja in Bulgarien
(Mazedonien) entdeckt und nach Florenz gebracht, wo es schließlich von dem
Florentiner Philosophen und Humanisten Marsilio Ficino (1433-1499) im Auftrag
des Cosimo de Medici (1389-1464) im Jahre 1463 ins Lateinische übersetzt und im
Jahre 1471 erstmals unter dem Titel
Poimandres gedruckt wurde. Cosimo
war an der Übersetzung dieser Schrift derart viel gelegen, dass er Marsilio
befahl, dessen aktuelle Arbeit – die erstmalige Übersetzung platonischer
Schriften ins Italienische – unverzüglich einzustellen.
Besagte Traktate behandeln, teils moralische, teils mystische und
philosophische Ideen dieser frühen Epoche, die uns stellenweise auch an
gnostisches Schrifttum und Gedankengut erinnern und vor allem die Humanisten
des 15. und der nachfolgenden Jahrhunderte begeisterte und in ihren Bann zog, weshalb
einzelne Texte des Corpus Hermeticum immer wieder neue Kompilationen erfuhren.
Die bekannteste dieser Schriften trägt den bereits oben erwähnten Titel
Poimandres,
was so viel wie »der Menschenhirte« bedeutet. Einige Passagen dieser Schrift
zeigen allerdings eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Johannes-Evangelium des
Neuen Testaments. Auch lässt der griechische Titel der Schrift selbst
(Poimandres – der Menschenhirte) vermuten, dass diese ohnehin wenigen uns
überlieferten Schriften im Urchristentum entstanden sein könnten.
Zum Corpus Hermeticum zählen wir neben vornehmlich griechischen einige
lateinische und koptische Schriften, die uns als sogenannte Hermetica
überliefert worden sind. Die Hermetica beginnen mit dem Poimandres, benannt
nach dem griechischen Wort für »Menschenhirte«, dem »Geiste der himmlischen
Macht«, der hier als Offenbarungsvermittler erscheint. Die Hermetica stellen
letztlich eine Sammlung persisch-ägyptischer Schriften dar. Der Poimandres
berichtet von der Welt- und Menschheitsentwicklung mit den iranischen
Gedankengängen vom Urmenschen, vom kosmischen Sündenfall und der Erlösung durch
den gnostischen Aufstieg der Seele in die sieben Planetensphären, bis sie in
einem achten Kreis »den Vater preist mit denen, die dort sind«, um schließlich
noch darüber hinaus sich mit ihm zu vereinigen.
Die gleichen Spekulationen sind uns bereits bekannt aus der heidnischen
Gnosis, eine Mischung griechischen, vornehmlich platonischen Gedankenguts mit
persisch-vorderasiatischen und ägyptischen sowie speziell semitischen
Kabbala-Elementen. Hinzu kommen die damaligen chemischen Kenntnisse, die sich
in die gnostisch-naturwissenschaftliche Lehre als neuer Faktor einfügen. Zum
besonderen Zentrum der Alchemie wurde während der Entstehungszeit Alexandria
und wohl auch der ostpersische Raum, wie wir aus jüngsten Forschungsergebnissen
wissen. Nach dem Verfall Alexandriens kam das Wissen auf die Araber und die
Syrer. Aus arabischen Quellen, verbessert von arabischen und unter arabischer
Herrschaft wirkenden persischen Alchemisten, gelangte die Lehre von der Kunst
der Metallverwandlung ins Abendland, wie auch andere Wissenschaftszweige. Ein
weiterer Weg von den Syrern über die Byzantiner in das Abendland war der
gleiche wie der des florentinischen Neuplatonismus des 15. Jhs.
Das Schicksal des Poimandres, dessen Inhalt bis in unsere heutige Zeit
hinüber gerettet und zuerst von dem Altphilologen Richard Reitzenstein
(1861-1931) interessierten Kreisen erneut aufgeschlossen wurde, war maßgeblich
durch den bereits erwähnten, als Verfasser zahlreicher Schriften zur
griechischen Heilkunde bekannten Staatsmann und Philosophen Michael Psellos
(1018-1076/79) beeinflusst worden. Er brachte diese seltsame Sammlung von 18
Schriften zusammen, die uns heute noch überliefert sind. Die Schriften, wohl um
das 2. bis 3. Jh. n.u.Z. in gnostischen bzw. neuplatonischen Kreisen
entstanden, waren bereits Quellen für die alchemistischen Spekulationen des
Zosimos. Bis ins hohe Mittelalter reicht ihr Einfluss. Den Arabern waren sie
ebenfalls vertraut, und Gelehrte, wie der scholastische Philosoph und Theologe
Petrus Abaelardus (1079-1149) und Albertus Magnus (1193-1280), studierten sie
eingehend. Im 14. Jh. wirkten sie dann auf die neuplatonische Akademie in
Florenz. Kopernikus (1473-1543) eignete sich von der Lichtphilosophie, die
einen wesentlichen Bestandteil des Poimandres ausmacht, viele Gedanken an.
Zur Philosophie der Hermetischen Schriften
Diesbezüglich gleichen sich alle Textfragmente des Corpus Hermeticum – wie
übrigens auch die Schriften der Alchemie – es sind stets allegorisch,
gleichnis- und beispielhafte (bis transmutative) Kosmologien, niemals aber
direkte. Wir begegnen diesem Gedankengut auch in den altgriechischen und
ionischen Philosophenschulen (7. Jh. v.u.Z.), bei Thales v. Milet und Heraklit
(600 und 6. Jh. v.u.Z.), den Pythagoreern (5. u. 4. Jh. v.u.Z.) und bei Platon
(5. u. 4. Jh. v.u.Z.):
Im Zentrum des Weltenalls befindet sich die Erde. In dieser als »sublunar«
bezeichneten Sphäre herrscht ein steter Wandel, d.h. die vier Elemente – Erde,
Wasser, Feuer und Luft – befinden sich in einer permanenten Wechselwirkung
miteinander und sind dabei auch ineinander transmutierbar (vgl. Alchemie). Die
Planeten und Sterne indes sind sozusagen »translunarisch«, also nichtirdischer
Natur, sind fix, nicht wandelbar und bewegen sich auf fixen Bahnen um die
zentralistische Erde: ihr Wesen ist das »fünfte Element«, das der Erde fremd
ist, die Quintessenz, die paracelsische und somit spagyrische und
alchemistische
Quinta essentia. Ferner repräsentiert der Mensch den
sog. »Mikrokosmos« als das kleine Abbild des »Makrokosmos«, d.h. der restlichen
Schöpfung. Diese Mikro-Makrokosmos-Analogie findet sich u.a. auch beispielhaft
in der hermetischen Schrift
Tabula Smaragdina und vielen
alchemistischen Schriften des 16. bis 19. Jhs. wieder: »[…]was unten ist, ist
gleich dem, was oben ist, und was oben sich befindet, ist gleich dem unteren
zwecks Bereitung des Einen Dinges […]« Der Einfluss des Makrokosmos erstreckt
sich dabei nicht nur auf den Menschen allein, sondern auch auf Tiere, Pflanzen,
Minerale und Metalle, denen die Fähigkeit zur Wandlung (Transmutation) resp. zum
Wachstum und zur Entwicklung attribuiert wird.
Ein weiteres in diesem Zusammenhang sinnfälliges Symbol ist das
Philosophische
Ei der Alchemisten, in dem sich quasi im Kleinen die gesamte Schöpfung
wiederholt. Die Verbindung der (makrokosmischen) Planeten mit den Metallen
bspw. (siehe oben) zeigt sich folglich also auch in der Zuordnung der Metalle
zu den (damals sieben) Planeten, den Düften, den Farben usw.
Anders ausgedrückt bzw. auf geistiger Ebene: Das Ziel der Hermetik (des
Menschen) ist es, zum Ursprung zurückzufinden und die Diskrepanz (Abyss)
zwischen der materiellen (sublunar) und der geistigen Welt (translunar) zu
überwinden, um eine Einheit des Ganzen wiederherzustellen, d.h. die Harmonie
zwischen Körper (Handeln), Seele (Empfinden) und Geist (Denken), bzw. dem
Ruach
Elohim der Hebräer und dem
Logos der Griechen.
Relativierung respektive Widerlegung
Hier zeichnet nun ein gewisser Isaac Casaubonus (1559-1614) verantwortlich;
ein universalgelehrter Protestant und Humanist, der in seiner Abhandlung »De
rebus sacris ecclesiasticis exercitationes XVI« (1614, London) die durchaus
schlüssige, aber dennoch nicht eindeutig nachweisbare Behauptung aufstellt,
dass das Corpus Hermeticum um das 1. bis 3. Jahrhundert nach der Zeitenwende
von griechischen und christlichen Autoren in Ägypten verfasst wurde. Dazu
Casaubonus: »[…] Schreibstil, Wortwahl und die häufigen christlichen Bezüge
bzw. Zitate lassen keine anderen Schlussfolgerungen zu […]«